Der kleine Prophet

„Weißes Leinen, Stoffservietten, weißes Porzellan, keine Blumen. Viel Silber, Messerbänkchen, Salzstreuer, Besteck, das zahlreiche Gänge verhieß, bis hin zum kleinen Propheten“.


Diese liebevolle Beschreibung eines gedeckten Tisches stammt aus dem Roman „Gefecht in fünf Gängen“ von Christine Eichel. Vielleicht geht es Ihnen wie mir: Über eine Formulierung in dieser bunten Aufzählung bin ich beim Lesen gestolpert: Was ist ein „kleiner Prophet“ und was hat er auf einem festlich gedeckten Tisch zu suchen? „Google“ und „Wikipedia“ kennen im Internet leider keine Erklärung für diese Redewendung.

Propheten kennen wir einige aus der Bibel. Manche sagen Trost und bessere Zeiten voraus. Andere übermitteln Unheilsbotschaften von Gott und geraten dafür selbst in Bedrängnis. Im Alten Testament gibt es das so genannte „Zwölfprophetenbuch“. Das ist eine Sammlung kleinerer Erzählungen, die über einzelne Propheten und ihr Wirken berichten. Am bekanntesten von diesen 12 „kleinen Propheten“ (hier begegnet uns der Begriff erneut) dürfte Jona sein. Das war der Prophet, der von einem Wal verschluckt wurde, weil er seine Rolle als Unheilsprophet
nicht ausfüllen wollte.


Ein „Unheilsprophet“ ist der „kleine Prophet“ auf der Tischtafel aber nicht. Wahrscheinlich denken Sie es sich schon: Gemeint ist der kleine Dessertlöffel. Der liegt auf einer fein gedeckten Tafel stets über dem Essteller. Den Gästen verrät er: Es gibt noch einen süßen krönendenAbschluss. Ein Dessert.


Wir gehen dieser Tage dem zweiten Sommer unter „Corona-Bedingungen“ entgegen. Während ich diese Zeilen schreibe, gehen zwar die Inzidenzzahlen langsam wieder nach „unten“, doch es zeichnet sich ab, dass weiterhin viel Vorsicht geboten ist. Noch ein langer Weg zur „Normalität“ liegt vor uns.


Was wir da brauchen, sind keine „Unheilspropheten“, die zusätzlich Unruhe, gar Panik verbreiten, etwa mit bösen Internetkommentaren. Was ich mir und Ihnen für diese Sommerzeit hingegen wünsche, ist eine Achtsamkeit für die „kleinen Glückspropheten“, die uns im Alltag begegnen. Für Zeichen, die uns zeigen: Es kommen auch wieder andere Zeiten, die „süßer“ werden – so wie ein Dessert am Ende eines geselligen Abends.
Eine gute Sommerzeit wünscht Ihnen in diesem Sinne


Ihr Pastor Sebastian Müller
Christophoruskirche, Altwarmbüchen

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