There’s a crack in everything. That’s how the light gets in. In allem ist ein Riss. So kommt das Licht hinein.

Leonard Cohen singt das in seinem Song „Anthem“, zu Deutsch „Hymne“.
Ich schreibe diese Zeilen und goldene Herbstsonnenstrahlen fallen durch die Fensterscheibe auf die Tastatur meines Laptops. Licht kann ich gebrauchen, denke ich noch so bei mir und tippe die Worte auf das weiße digitale Blatt Papier.

Licht kann ich gebrauchen nach diesen meist trüben Sommertagen mit grau in grau am weiten Himmelsdach, mit Regenfluten im Land, die Häuser, Träume und Hoffnung fortrissen. Licht kann ich gebrauchen nach den tristen Bildern aus der Welt, mit Flüchtlingen auf Rettungsbooten, Männern mit Gewehren in den Händen, die ihre Wertevorstellungen und Ängste nicht anders kommunizieren können. Licht kann ich gebrauchen nach einem weiteren Jahr mit Einschränkungen und Abstand und Sorge um meine Liebsten.

In allem ist ein Riss. So kommt das Licht hinein.

Keine Finsternis ist so geschlossen, dass nichts mehr durchdringen kann. In jeder dunklen Wirklichkeit, die unausweichlich scheint, gibt es eine Bruchstelle, an der sich die Dinge ändern können. Und wir werden entkommen, wenn auch nicht immer unversehrt.

Cohens Lied malt keine Utopie aus, keine heilen Verhältnisse. Er singt einen Lobpreis auf so etwas gering Scheinendes wie den Riss im System, der die Dinge
wieder öffnet.

Mit einem Babyschrei in dunkler Nacht, mit einem Laternenschein durch die Ritzen eines windschiefen Stalls auf den Feldern von Bethlehem beginnt die große Geschichte, die wir uns jedes Jahr wieder erzählen, genau hier entsteht ein Riss zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen. Wenn ich es in traditionelle Adventssprache übersetze, heißt das vielleicht wie in meinem Lieblingsadventslied: „O Heiland, reiß die Himmel auf."

Gott tut es. Er reißt die Himmel auf.

Weihnachten bedeutet nicht, dass fortan alles gut ist. Die Welt ist noch da. Die Dunkelheit ist noch da. Aber durch einen Riss im System kommt Licht hinein. Und mit diesem Licht die Möglichkeit zur Veränderung. Nichts ist schlimmer als geschlossene Systeme.

Weihnachten bedeutet für mich, nicht nur andächtig an der Krippe zu stehen, sondern im Licht zu wandeln – vielleicht auch auf ganz neuen Wegen.

In allem ist ein Riss. So kommt das Licht hinein.

In diesem Sinne: Lasst das Licht durch alle Risse leuchten und seien sie auch noch so klein! Bleibt gesegnet und behütet!

Eure Pastorin Jessica Jähnert-Müller

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